Selbstmordversuche

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

David Schraven, ein Journalist von den Ruhrbaronen, hat am Freitag mit drei Freunden lange zusammen gesessen. David Schraven, vielleicht erinnern Sie sich: letzten Sommer lag er mit Hannelore Kraft ziemlich im Clinch; oder besser gesagt: sie mit ihm. Egal, eine alte Geschichte.
Der Sommer ging vorbei, und im September sah das alles schon ganz anders aus. Hannelore Kraft schrieb als Gastautorin bei den Ruhrbaronen; David war gewiss damit einverstanden. Okay, so richtig im Grünen war er mit der SPD noch (?) nicht; denn bei der Bundestagswahl hatte er weder rot noch grün gewählt.
Genau wie seine drei Freunde, mit denen er am Freitag so lange gesprochen hatte. Gestern schrieb David Schraven:
“Wir haben über die Wahlen geredet, Keiner von uns hatte in der letzten Wahl rot oder grün gewählt. Zwei haben gar nicht gewählt, einer aus Enttäuschung eine Splitterpartei und einer die CDU. Gestern haben wir dagesessen und drei haben gesagt, sie werden wieder rot-grün wählen.” 

Er schrieb dies in seinem Beitrag „Miet-Rüttgers (CDU) ohne moralische Orientierung. Kohle für Gespräche“. Fürwahr: ein dicker Hund. Und doch: ich denke, diese Sache dürfte wohl allenfalls der letzte Auslöser für Davids Stimmungswandel gewesen sein, und nicht etwa die Ursache. Ich hoffe dies jedenfalls. Und ich hoffe, dass er, als er diese Zeilen schrieb, schon etwas von dem verspäteten Wirbel und der politischen Empörung mitbekommen hatte, die die SPD-Landesvorsitzende jetzt wieder in die Schlagzeilen bringen könnte.
Wobei: auch ich habe Hannelore Krafts Einlassung zur Bildungspolitik erst gestern gelesen. Sie sagte es während ihrer Rede zum politischen Aschermittwoch im Wirtshaus "Freischütz" in Schwerte. Zum politischen Aschermittwoch, um dies als mildernden Umstand anzuführen, schreibt Wikipedia:
“Nach weitgehend einhelliger Meinung ist das Ziel der in Bierzelt-Atmosphäre stattfindenden politischen Reden, die sich durch farbige Wortwahl und heftige, polemische Attacken gegen den politischen Gegner auszeichnen, weniger, neuartige politische Konzepte zu präsentieren oder detaillierte Sachkritik vorzubringen, sondern vielmehr, die eigenen Reihen zu schließen, Parteianhänger zu motivieren und den politischen Gegner zu verunsichern.”

Möglicherweise geschah es auch in vielleicht sogar bierseliger Atmosphäre im "Freischütz" in Schwerte, dass Frau Kraft Herrn Westerwelle „im braunen Sumpf fischen“ gesehen hat. Ich bin geneigt, dies zu glauben; dies wäre ja ein weiterer mildernder Umstand. Ich bin jedoch nicht sicher, ob Tateinheit vorliegt; denn Hannelore Kraft hat darauf verzichtet, diese bzw. diese beiden Reden ins Internet zu stellen. Das entspricht zwar nicht so ganz dem Transparenzgebot, ist aber immerhin klug. Ziemlich klug.
Es lässt sich freilich nicht mehr rückgängig machen, dass dieser Satz aus ihrer "Freischütz-Rede" gestern von fast allen Zeitungen zitiert wurde: "Wie weit sind die eigentlich weg von dem Druck, der da aufgebaut wird in unserem Bildungssystem? Wissen die eigentlich, wie die Zahl der Selbstmorde zunimmt bei Kindern?"
Es lässt sich auch nicht mehr rückgängig machen, dass Kraft diesen Satz gesagt hat. Zurücknehmen könnte sie ihn; doch gegenwärtig sieht es danach keineswegs aus. Den Aachener Nachrichten ist zu entnehmen:
SPD-Generalsekretär Michael Groschek forderte die CDU und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) zu einer öffentlichen Debatte über den «ungeheuren Druck» im Schulsystem auf. Groschek verwies auf einen Bericht des «Kölner Stadt-Anzeigers» (4. Februar) über eine steigende Zahl von Selbstmordversuchen von Kindern und Jugendlichen in der Domstadt.

Der Reporter der Financial Times Deutschland (FTD) scheint am Aschermittwoch im Festsaal in Schwerte gewesen zu sein. Er berichtet:
"Wissen die eigentlich, wie viele Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen es gibt?", ruft Kraft in den Saal. Die frühe Selektion sei schuld, die SPD dagegen wolle die Kinder "länger gemeinsam lernen lassen". Niemand im Festsaal des Wirtshauses "Freischütz" in Schwerte zuckt zusammen, im Gegenteil:
Der Saal habe getobt; mit „aggressivem Jubel“ sei diese Redepassage bedacht worden. Er war offenbar wirklich im Saal, der FTD-Reporter. Denn nach der Kraft-Rede wurde es tatsächlich ziemlich laut; das schreibt nämlich auch Theobald Tiger vom Blog „Wir in NRW“.
Allerdings hat er anders empfunden als der FTD-Reporter, was die Motive der Jubelschwerter betrifft. Seine Ansicht nach waren „wohl die pflichtschuldig lautstark jubelnden Traditionssozis des Reviers froh, als die schrill schreiende und giftende Spitzenfrau das Rednerpult freimacht“.
Wie dem auch sei; jedenfalls zucken Sozialdemokraten nicht bei Hannelore Kraft zusammen. Wir in NRW zucken sowieso nicht so leicht zusammen. Das liegt nämlich überhaupt nicht in unserer ganzen Mentalität. Da jubeln wir eher.

So sind wir in NRW nun einmal – nicht nur in Westfalen, sondern auch am Nordrhein. Nicht nur die Roten, sondern auch die Schwarzen – wie in Schwerte, also auch in Duisburg. Als letzten Sommer Jürgen Rüttgers auf dem Marktplatz in Buchholz über die rumänischen Arbeiter als solche zu berichten wusste:

„Sie kommen und gehen, wann sie wollen,
und sie wissen nicht, was sie tun.“

Wie hat Rüttgers sein Club da reagiert? Natürlich ist da auch niemand zusammen gezuckt. Gejubelt haben sie. So läuft das nun einmal – hier in Duisburg, wir in NRW, und überhaupt und so. Wir jubeln.

Zugegeben, da hat Hannelore Kraft schon Recht: den Kindern scheint das Jubeln mehr und mehr zu vergehen. Der Kölner Stadtanzeiger (ksta) hatte am 4. Februar berichtet: „Die Zahl von suizidalen Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen.“
Allerdings: in einem anderen Artikel der gleichen Ausgabe heißt es: „Die Gründe für junge Menschen, ihr gerade begonnenes Leben als nicht mehr lebenswert zu empfinden, sind komplex.“ Es darf spekuliert werden.
„Seit der Verkürzung der Schulzeit in NRW und seit Eltern die Schulform nicht mehr bestimmen können, wird bereits in der Grundschule ein Leistungsdruck ausgeübt, auf den Kinder vermehrt mit massiven Ängsten vor Versagen sowie Kopf- und Bauchschmerzen, Depressionen und Schulausstieg reagieren“, erzählt ein Professor.

Ein Professor Kinder- und Jugendpsychiater. Wir prägen uns ein: er führt zwei Gründe an, die zu Leistungsdruck mit anschließenden Bauchschmerzen geführt haben könnten. Einmal die „Verkürzung der Schulzeit in NRW“ – wir wissen: diese gilt nur an den Gymnasien. G8, Turbo-Abi, das ist wahr: da ist Leistungsdruck, da gibt es Bauchschmerzen. Aber auch besonders viele Selbstmorde?
Das andere Problem sei, so der Professor, dass „die Eltern die Schulform nicht mehr bestimmen können“. Deshalb werde „bereits in der Grundschule ein Leistungsdruck ausgeübt“. Auch das ist wahr. Übrigens: von den Eltern.
Ob sich die SPD-Landesvorsitzende für die beim Psychiater mitschwingende Problemlösung erwärmen kann, dass eben diese Eltern wieder bestimmen dürfen sollten, dass ihre untalentierte Brut in jedem Fall aufs Gymnasium gehen darf? Zwecks Suizidvermeidung, versteht sich.
Wissen die eigentlich, die Kraft und der Psychiater, wie viel Druck diese sich kümmernden Eltern machen, wenn ihr Nachwuchs im G8-Stress nicht die richtigen Noten nach Hause bringt? Weiß man überhaupt, ob es eher diese Kinder sind, die auf eigenen Wunsch von uns gehen, oder ob es mehr die armen aus den verwahrlosten Familien sind?
Nein, man weiß es nicht. Die einzige Gruppe, die empirisch zu Buche schlägt, ist nun wieder eine andere. „Auffallend in Köln ist der hohe Anteil suizidgefährdeter türkischer Mädchen … Diese jungen Frauen zerbrächen an dem Konflikt, in einer für Frauen offenen Gesellschaft zu leben, aber von Eltern und Brüdern unterdrückt zu werden.

Das steht aber in eben diesem ksta-Artikel. So weit dürfte Hannelore Kraft ihn kaum gelesen haben, wenn sie ihn überhaupt jemals in der Hand bzw. auf dem Schirm hatte. Es ist ja bekanntlich üblich, dass die Reden vom Beraterstab entworfen werden. Eine Rede, zwei Faux-pas.
Theobald Tiger empfiehlt:„Wenn die wahlkämpfende Hannelore Kraft dann in der sanften Frühlingssonne die Menschen mit ihrer marktschreierischen Rede von den Plätzen nicht vertreiben will, kann sie vielleicht zuvor den ein oder anderen Redenschreiber oder Medientrainer aus Gabriels Gefolge zu Rate ziehen.“
Reichlich resignativ dann der Schlusssatz: „Wenn es dafür aber nicht schon zu spät ist.“

Unsinn: bis zum 9. Mai ist es noch so lange hin! Die letzten Umfragen für NRW sehen keine Mehrheit mehr für Schwarz-Gelb; aber – wie gesagt: in den verbleibenden Wochen kann noch eine Menge passieren.
Ganz entscheidend wird sein, ob die Linkspartei den Einzug in den Düsseldorfer Landtag schafft. Sicher ist das nicht, obgleich: die Chancen stehen nicht schlecht. Jürgen Rüttgers selbst dürfte, wenn er klug ist, die Linkspartei wählen. Denn ein Fünf-Parteien-Parlament garantiert ihm den Verbleib im Amt. Eine absolute Mehrheit für Rot-Grün ist unter diesen Umständen auszuschließen.
Ohne die Linken steht es momentan fifty-fifty. Kommt die Linkspartei rein, bleibt Rüttgers Ministerpräsident, und über seinen Koalitionspartner entscheidet dann nicht er, sondern „der Wähler“. Reicht es für Schwarz-Gelb, bleibt Alles beim Alten. Wenn nicht, käme Schwarz-Grün zum Zuge – sollte es dafür reichen. Sonst wird Hannelore Kraft Ministerin bei Jürgen Rüttgers.

So einfach ist das alles. Klar wie Kloßbrühe. Nur: wie der Wähler entscheiden wird, das weiß im Moment nicht einmal Jesus. Wie auch? Er selbst weiß es ja nicht einmal; er, der Souverän, der Wähler. Abgesehen von David Schraven und seinen Freunden. Die haben sich bereits entschieden. Richtig entschieden. Oder zumindest fast richtig. Wenn jetzt noch der ein oder andere Redenschreiber oder Medientrainer aus Gabriels Gefolge der Hannelore Kraft etwas helfen könnte, dürfte eigentlich nichts mehr schief gehen.
 

Werner Jurga, 21.02.2010

 

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