Huch, der Gysi

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Schon vor ein paar Tagen war es in meinem Briefkasten, super: das März-Heft des Cicero. Da freut sich der Intellektuelle. Vor allem über den neuen Jaguar – mit Duisburger Kennzeichen. Da freut sich der Duisburger. Habe ich Ihnen hier unten gleich mal abgebildet. Ich weiß gar nicht, ob man so etwas darf. Erfreulicherweise findet sich schnell ein Abmahnanwalt, der einen aufklärt, falls etwas verboten ist. Im Ernst: bei Bildern muss man echt aufpassen. Bei fremden Texten muss man auch etwas aufpassen – schön zitieren oder „verlinken“, neue Texte ins Netz stellen geht natürlich auch nicht. Eigene Texte sind dagegen ein Rundum-Sorglos-Paket: einfach locker drauf los schreiben, Frau Janicki veräppeln, Herrn Janssen veralbern, wonach einem gerade so der Sinn steht. Man kann auch irgendetwas erzählen, was gar nicht stimmt. Mache ich natürlich nicht. Dürfte man aber.
Verboten ist eigentlich nur, was sowieso verboten ist – also Straftaten. Zu begehen (hier also Beleidigungen und Ähnliches) oder dazu aufzurufen; denn das ist ja auch eine Straftat. Fassen wir also zusammen: es gibt Dinge, die darf man, und Dinge, die darf man nicht. Wie gesagt: in welche Gruppe der Umstand, dass ich den neuen Cicero abbilde, gehört, weiß ich nicht. Ich mache es aber einfach mal, um Ihnen zu veranschaulichen, dass es darüber hinaus noch einige Dinge gibt, die man vielleicht darf, die sich aber gewiss nicht gehören; z.B.

DIE FEHLER DER VORFAHREN NACHAHMEN

So sagte Marcus Tullius Cicero, der sich nicht mehr dagegen wehren kann, von unserem Intellektuellen-Magazin „Cicero“ als Namensgeber missbraucht zu werden: “Unsere Vorfahren sollten uns zum Muster dienen, dabei gelte als erste Ausnahme, dass man nicht ihre Fehler nachahmen muss.“
Auf den ersten Blick scheinen die Macher diesem Gebot gerecht geworden zu sein: unsere Vorfahren hatten ihn nämlich noch gar nicht: den neuen Jaguar. Er prangt auf dem Einband vorn, und verdeckt das Titelbild – das Portrait einer Person, die mir irgendwie bekannt vorkommt, die ich aber nicht erkenne.

Egal: zunächst einmal bin ich vom neuen Jaguar fasziniert. „XT“ heißt er, spielt aber keine Rolle: „der neue Jaguar“ reicht völlig. Woher ich das weiß? Erstens: ich bin ein Mann! Zweitens: wie es der Zufall so wollte, stand ich mittags - nur einige Stunden nach Erhalt des Cicero-Heftes – irgendwo in Duisburg bei irgendwelchen städtischen Mitarbeitern vor irgendeinem Verwaltungsgebäude: Rauchen. Und die zwei Herren – wohl aus dem mittleren Dienst - sprachen enthusiastisch über den neuen Jaguar. Da es, wie gesagt, Dinge gibt, die sich nicht gehören, habe ich sie natürlich nicht belauscht. Daher kann ich Ihnen auch leider nicht sagen, ob einem von den beiden der neue Jaguar gehört. Kennzeichen: DU GJ 308.

Zurück zum Cicero-Heft: über diesem Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkommt, die – zugegeben provozierende – Frage: „Waren die 68er Faschisten?“ Illustriert mit einem 68er-oben-ohne-Girl. Eine Verführung – der Gedanke, ich zusammen mit dieser sexuellen Revolutionärin auf Spritztour im neuen Jaguar.
Ich bin zwar kein 68er im engeren Sinne („Gnade der späten Geburt“), aber Sozialdemokrat, also verführbar. Auf dem Heft unter diesem komischen Mann ein Streifen. Wolfgang Clement: „Ich sorge mich um meine SPD.“ – Ach so, dem gehört die also. Jetzt will ich es aber wissen, wer ist dieser Kerl? Also klappe ich den Jaguar-Einband weg: Huch, der Gysi. Vor einer Mauer aus Goldbarren.
„Der Feind befindet sich in unseren Mauern. Gegen unsere eigene Dummheit müssen wir kämpfen.“ (Marcus Tullius Cicero)

Gysi und seine Goldbarren, im Nadelstreifenanzug mit dicker Kapitalisten-Zigarre. Die Krawatte für meinen Geschmack etwas zu leger gebunden. Erst jetzt entdecke ich. Unter dem Jaguar (also fährt den wohl der Gysi?) ist noch ein Einband, ganz in knallrot. Darauf steht in großen Buchstaben: „Gregor Gysi und die SED-Millionen“, Unterzeile „Auf den Spuren der Operation Putnik“. Nun habe ich das Heft nicht gelesen, habe also keine Ahnung, wer oder was „Putnik“ ist. Ich nehme an, eine Mischung aus „Putin“ und „Sputnik“. Ja, der Gysi ...
Unter der Angeber-Zigarre, die wie eine Rakete auf den roten Einband ragt: „Deutschlands heimliche Herrscher“. Da geht es zwar um etwas ganz Anderes, passt aber trotzdem gut. Da drunter: „Die Stasi stahl mir mein Herz. Ein deutsch-deutscher Verrat“. Im Inhaltsverzeichnis taucht diese Gysi-Darstellung noch einmal auf, und zwar recht groß. Daneben die Hinweise auf die drei folgenden Artikel. 1. „Operation Putnik. Wie Gregor Gysi versuchte, SED-Vermögen zu verstecken.“ 2. „Linke Millionäre. Wie reich die Linkspartei heute ist.“ 3. „Linksextremistische Bestrebungen. Was der Verfassungsschutz über die Linkspartei sagt.“

Es ist verständlich, dass wir bei den großangelegten Tarnungs- und Bluffmanövern das bolschewistische Regime ... nicht richtig eingeschätzt haben.
Joseph Goebbels, Sportpalast-Rede

Dass bei alledem Gysi der Drahtzieher ist, hat „Der Spiegel“ schon recht früh deutlich gemacht. Auf dem Titelblatt mit einer Gysi-Karikatur, allerdings mit einer deutlich hervorgehobenen Hakennase. Nun gut, das war etwas zuviel des Guten. Außerdem hat es den jüdischen Bolschewisten nur dazu getrieben, sich noch mehr zu verstellen. Und zwar – logisch – sehr geschickt. Klar: Gysi glaubt nicht an Gott, und so lässt Gregor Gysi jetzt in der Talkshow (ja, so was kann er!) unter seinem Namen „konfessionslos“ einblenden. Gerissen!

Es war ja nicht nur der Spiegel, der auf dem Titelblatt den SED-PDS-Chef Gregor Gysi als „Drahtzieher" anprangerte. Viele in Politik und Medien neigen dazu, wie in den frühen fünfziger Jahren, den Richter über die anderen zu spielen über die Kommunisten, die Juristen, die Lehrer, über die Angepassten in der DDR. Das macht uns groß und frei.  (aus: Die Zeit, Heft 12 / 1990)
Vor knapp einem Jahr habe ich Sie wissen lassen, dass „Die Zeit“ sich selbstverständlich nicht am Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus beteiligt; es sah halt nur so aus: “Die Zeit doch nicht”.
Meine erste Kolumne für den "Spiegel" war eine Auseinandersetzung mit dem unterschwelligen Antisemitismus in der Titelgeschichte des Magazins "Capital" über "Juden + Wirtschaft" - ich hätte sie ein Vierteljahrhundert später ebenso gut über den "Spiegel" und seine Gysi-Titelgeschichte "Der Drahtzieher" (Nr. 3/90) schreiben können. Nicht im "Spiegel". (Otto Köhler: Offizielle Mitarbeiter, aus: KONKRET 5/92)
Gleichzeitig mit dieser fast schon gewalttätigen Ignoranz aber werden antisemitische Tendenzen hofiert und vorangetrieben, von Medien wie von führenden Politikern. Die Palette reicht von offenem Antisemitismus etwa im "Spiegel" ("Gysi, der Drahtzieher" - die jüngsten Sprengstoffanschläge auf PDS-Büros und -veranstaltungen, die Störaktionen mit "Juden Raus"-Rufen setzen den Trend fort) bis hin zu der arroganten Weigerung der Bundesregierung, auch nur Stellung zu beziehen zu der Forderung, eine an die Shoa erinnernde Präambel in den Einigungsvertrag bzw. in eine gesamtdeutsche Verfassung aufzunehmen. (M.Dietiker, A.Jansen, B.Rosenkötter, Enttabuisiert, aus: KONKRET 1/91)

Fassen wir zusammen:
„Der Jude ist  gewillt, den Marxismus an die Macht zu bringen, um die Völker diktatorisch und mit brutaler Faust zu unterjochen und zu regieren.“
(Adolf Hitler: Mein Kampf, zweibändige Ausgabe von 1934, S. 357)

Gut, dass die Zeitschrift „Cicero“ laut „Wehret den Anfängen!“ ruft – getreu der Weisheit des Marcus Tullius Cicero:

Aus kleinem Anfang entspringen alle Dinge

Werner Jurga, 23.02.2008

 

der Gysi
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