03.12.2007

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Ich muss zugeben: ich war etwas unsicher, ob es nun „Kohlehydrate“ oder „Kohlenhydrate“ heißt. Da mir die WORD - Rechtschreibhilfe beides durchgehen ließ, sah ich im Duden nach. Und siehe da: geht beides. Diese „zucker- oder stärkeartige chemische Verbindung“ ist neben Eiweiß und Fett Baustein unserer Ernährung.
Der Metzger war noch Mitglied der Grünen, da fiel er sehr unangenehm auf, weil er bewusst provozierte: Viele Sozialhilfeempfänger sähen "ihren Lebenssinn darin, Kohlenhydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen", sagte der Oberschwabe in einem Interview unmittelbar vor dem Parteitag.

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dpa-Foto aus “Der Spiegel”

Metzgers Kohlenhydrate

Schon am 27.11.2007 hatte ich zugegeben, “dass ich den Mann nicht mag. Sein Gesicht gefällt mir nicht, sein Auftreten auch nicht, und seine politischen Positionen schon gar nicht.” Gestern Abend war er bei Anne Will. Sollten Sie die Sendung verpasst haben, hier einige Video-Sequenzen ...

Oswald Metzger lässt noch offen, ob und wenn ja, in welche Partei er einzutreten gedenkt. Jedenfalls ist er schon seit einiger Zeit Mitglied der vom Arbeitgeberverband finanzierten „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Um „Alten Kapitalismus“ gehe es diesem Verein wohl eher, merkte sehr treffend meine linke Parteifreundin, die Genossin Andrea Nahles, an.
Und so droschen sie alle auf den armen Oswald Metzger ein: die Andrea Nahles, der Gregor Gysi und der Ulrich Schneider, Oberboss des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.
Mit Recht: es gehört sich nämlich nicht, Menschen, die bis zum Hals im Dreck stecken, vorzuwerfen, dass sie schmutzig sind. Das ist nicht einmal denjenigen vorzuhalten, die sich aufgegeben haben, und versuchen, es sich im Schlamm einigermaßen behaglich zu machen. Jahrzehntelang zeigt die Sesamstraße Grobi und das Krümelmonster, um den Kindern Verständnis für „die da unten“ abzuringen. Sogar für den stets stänkernden Oskar, der in einer Mülltonne wohnt. Dem „Spiel´ nicht mit den Schmuddelkindern“ etwas entgegensetzen - gegen Ausgrenzung, vor allem: gegen Abgrenzung nach unten – Leitmotive der Grünen, jedenfalls in ihren Gründerjahren.
Aber auch heute wollen sie einen nicht mehr haben, der Mitglied ist im Verein „Kapitalismus – ja bitte!“ und deshalb das Geld der Steuerzahler nicht den Asis hinterhergeschmissen sehen will. Insofern löblich, nicht der Herr Metzger, nein die Grünen, die Linken, die Sozialmanager und alle ... einerseits.

Andererseits: wenn jemand behauptet, zwei mal zwei ergebe vier, dann kann das richtig sein, auch wenn mir seine Nase nicht passt – oder, wie in diesem Fall: sein Gesicht, sein Auftreten, seine politischen Auffassungen. Zwei mal zwei ist vier, selbst wenn Oswald Metzger dies behauptete. Und unabhängig davon, was er mit dieser Aussage beabsichtigt. „Viele“, hat er gesagt, ließen ihren Kindern angedeihen, vor dem Fernseher zu sitzen und Kohlenhydrate in sich hineinzustopfen. Zwei mal zwei ist vier; das weiß ja jedes Kind. Und dass „viele“ sich selbst und ihre Kinder Scheiße fressend vor der Glotze verblödend fett werden lassen, weiß auch fast jedes Kind. Die Mehrheit muss nicht Recht haben; aber diese Tatsache wird durch etliche wissenschaftliche Studien empirisch belegt (wobei die Behauptung, zwei mal zwei sei vier zum Kellergeschoss eines rein axiomatischen Gedankengebäude gehört, das sich zugegebenermaßen in der Realität als recht nützlich erwiesen hat).
Stichwort Realität: dass es um die Zukunftsaussichten und die Lebenserwartung „vieler“ Kinder wegen deren Verblödung und Verfettung nicht zum Besten bestellt ist, ist Wirklichkeit. Auch wenn hierzulande die meisten Kinder liebevoll und fürsorglich erzogen werden: die Verwahrlosung von Kindern ist ein Massenphänomen. In den Fällen, wo das Jugendamt einschreiten muss, endet sie; sie beginnt wesentlich früher. Und auch wenn die Duisburger Montagsdemonstranten einen Zusammenhang zwischen Hartz IV und der Kinderarmut herstellen, Fakt ist: für die Sozialhilfeempfänger haben sich die monatlichen Einkünfte erhöht. Das ist die Wirklichkeit.
Wenn es so einfach wäre: 100 Euro monatlich mehr, und alle Kinder wären glücklich. Wenn man wüsste, dass das Geld wirklich bei den Kindern ankommt, dann wäre ja auch die Herdprämie eine tolle Sache. Insofern ist Chefökonomin Christa Müller, die Gattin von Oskar Lafontaine, nur konsequent. Linkspartei-Mitglied Müller fordert Hand in Hand mit der CSU das Betreuungsgeld für Daheimgebliebene. Schluss mit dem Kita-Kommunismus!

Die Wirklichkeit ist komplizierter. Um sie verändern zu können, müssen wir sie zunächst einmal genau erkennen. Um sie erkennen zu können, müssen wir uns frei machen von Tabus. Mögen wir auf Oswald Metzger eindreschen oder nicht, aber denken wir daran: zwei mal zwei ist vier, egal wer es sagt.

Werner Jurga, 03.12.2007

 

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