Todesgewissheit und Termindruck

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Unsere Angst und unsere daraus resultierende Neigung zu Realitätsinkongruenzen, ist nur die eine Seite der Todesgewissheit. Die andere ist, dass das Wissen um die Begrenztheit der eigenen Zeit eben auch eine weitere Bedingung für die permanente Reproduktion des Zeitbewusstseins ist. Lebten wir ewig, könnten wir keinen Termindruck verspüren. Es ist dies der Doppelcharakter des humanspezifischen Wissens um das eigene Ende: einerseits behindert die im allgemeinen recht gering entwickelte Fähigkeit seiner psychischen Verarbeitung tendenziell den Realismus und damit die rationale Planungs- und Entscheidungsfähigkeit; andererseits ist das Wissen um die Vergänglichkeit der Stachel, der die Menschen vital hält, der einen stetigen Handlungsimpuls - jenseits des Stillens primärer Bedürfnisse - sicherstellt. Die Todesgewissheit bedeutet weitaus mehr als der animalische Überlebenstrieb. „Unter den vielen Vorstellungen von der Zukunft, die gegenwärtiges Handeln beeinflussen, ist das Bewusstsein vom Tod das allgemeinste und das mächtigste. Es ist ein wesentlicher Bestandteil des reifen menschlichen Zeitsinns, dessen Gesichtskreis sich grenzenlos in Gegenwart und Vergangenheit erstreckt“ [63] …
 

Termindruck und Hölle - echter Stress

So blieb - trotz allen Wandels in der Motivstruktur, in der sozialen Trägerschaft und auch in der inhaltlichen Ausgestaltung - die jenseitige Strafvollzugsanstalt namens Hölle integraler Bestandteil auch der „neuen“ Religion der Moderne. Sie machte die Hölle zwar „humaner“, allerdings auch bedeutungsvoller. In der bürgerlichen Gesellschaft bleibt die Drohung mit der Hölle das einzig tragende religiöse Motiv des gewöhnlichen Christenmenschen. Die Einsicht in die individuelle Vergänglichkeit ermahnt über die Metapher der Hölle zur moralischen Rechtschaffenheit. Die religiöse Konzentration auf den Tod, also auf das Jenseits - mit bunt-ausgemalter Hölle und verglichen damit äußerst blassem Himmel - spornt darüber hinaus, und dies ist hier von besonderem Interesse, ständig zu einer intensiven Nutzung des Diesseits an.
Hier ist darauf aufmerksam zu machen, dass Lebensbejahung aus Todesangst auch ein Stressfaktor ist. Sie ist der Stressor schlechthin. Die Entstehungsgeschichte bürgerlicher Ideologie liefert den Hintergrund für das vorherrschende Bild von der Zeit als knappem Gut.

Werner Jurga, 1999

Auszug aus: Die politische Dimension von Zeit in der Wissenssoziologie von Norbert Elias. Dissertation, Kapitel 5.5: Zeiterfahrung und Todesgewißheit.

[63] Elias, N: Über die Zeit, S. 28.

 

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