Schimi liegt schief

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Vorgestern hatte ich hier geschrieben und die NRZ / WAZ hat es gestern in ihrer Lokalausgabe DU-West gedruckt gebracht:

Auch wenn ein Krimi keine Doku ist: wenn schon ständig von Rheinhausen (zwar nicht in Bildern, aber) die Rede ist, dann muss man sagen: das Schimanski-Team hat uns ganz schön einen eingeschüttet.
Und das ist alles andere als kleinkarierter Lokalpatriotismus. Der Arbeitskampf vor zwanzig Jahren ist vielen Deutschen noch gut im Kopf. Und der Schimanski-Film “Schicht im Schacht” mobilisiert mit seinem (verfälschten) Untergangsszenario allgemein einen romantischen Zukunftspessimismus, der geeignet ist, die Menschen gegen den Strukturwandel, gegen die Moderne und letztlich auch gegen die Demokratie aufzubringen.

Einige Rheinhauser Prominente haben sich in ähnlicher Weise geäußert, nachzulesen in der NRZ vom 23.07.2008.  Ich verstehe die

Empörung der Politik

und stehe auch zwei Tage später zu jedem von mir geschriebenen Wort. Ich gestehe, die Figur Schimanski, ein schmuddeliger Prolet,  der nicht erwachsen wird und sich auf eigene Faust für das Gute in die Matsche schmeißt, seine derbe Sprache und seine Eß- und Trinkgewohnheiten sind mir nicht unsympathisch. Aber diese ständige Verherrlichung der Selbstjustiz, dieses Streicheln und Zusammenkloppen nach Gutdünken war mir ab der ersten Tatort-Folge sehr suspekt. Ich würde nicht in einer Stadt leben wollen, in der solch ein Bulle das Sagen hätte. Und die Art und Weise, in der das WDR-Team – möglicherweise sich enorm links wähnend – Rheinhausen diskreditiert, um seine reaktionäre Message unters Millionenpublikum zu streuen, ist charakterlich nicht allzu hoch anzusiedeln.
Dies klipp und klar vorweg. Nicht weil ich meine Beliebtheitswerte am Ort im Auge hätte, sondern deshalb, weil dies völlig klar sein muss. Weder leben wir in Godham City noch in Laramy, und wir sollten uns auch nicht nach einem Helden sehnen, der die Sache mal so eben klärt.
In einem Punkt ist aber an dem Schimi-Film auch was dran. Es sind nicht nur einige türkische Jungs, die hier vor sich hin verwahrlosen und ihren Ausweg auf der schiefen Bahn suchen. Ich kenne - aus halbwegs privatem Zusammenhang - auch zwei deutsche Jungs, Söhne von Altersgenossen. Die Papas haben sich nach der Krupp-Schließung tüchtig, halbwegs legal, jedenfalls gesellschaftlich einigermaßen wünschenswert durchgeschlagen. Noch als Kruppianer (in der x-ten Generation) die Söhne gezeugt, dann die Werksschließung, als Männer sich natürlich kaum um den Spross gekümmert, hier ne Scheidung, da gesoffen - aber auf Zack und fleißig, konnten sich auch in Lebenskrisen selbst ernähren. Aber die Bengel - in aller Kürze:

Einer der beiden Kumpels hat sich via Freundschaftshilfe gemeinsam mit seinem Sohn um eine Sache an unserem Haus gekümmert. Meine Gegenleistung bestand nicht nur in der Zubereitung zünftigen Mittagessens, sondern auch darin, dass ich dem minderbegabten Bönsel mal erklären solle, wie das alles so ist mit Arbeit und Leben. Und - so viel Eigenlob muss sein: ich hatte es hingekriegt. Ich konnte dieser Blödbacke die nunmehr gültigen "terms of trade" erklären; hat er gecheckt und sich gesagt: verstanden, so nicht abgelehnt.
Stattdessen gedealt, Mietnomadentum, mal die Freundin an der Theke für zehn Mark oder Euro angeboten; die Sozialstunden konnten daran nichts ändern. Ein bisschen Knast, weil er dann mal einen Opa zusammengeschlagen hatte, schon. Rückkehr in die Legalität: Eheschließung, Blagen am laufenden Band produziert - es geht ganz gut mit Hartz IV; hatte der Werner Jurga dann wohl doch gelogen.
Sein Vater ist weiterhin tüchtig, die Knochen machen nicht mehr so mit; deshalb hat er jetzt sogar so eine richtig reguläre Arbeit angenommen, wo er zwar deutlich weniger Geld als gewohnt (nicht nur Schwarz-, vor allem legale Sklavenarbeit) macht. Die neue Gattin arbeitet auch, das wäre ihm früher peinlich gewesen, irgendwie läuft es aber. Zweites "aber": er ist über all dies stock sauer. Dass an allem vor allem die "Ölaugen", wie er die Türken liebevoll zu nennen pflegt, Schuld seien, hat er mir in all den Jahren stets erläutert. Doch sein Weltbild erweitert sich derzeit. Er hört jetzt auch andere Musik, wesentlich härter als das, was ich mir so anhöre. Aber die Texte klären ihn über die Ursache der Misere auf. Beispiel: "Die Juden ficken unsere Kinder in den Arsch."

Werner Jurga, 23.07.2008

 

 

P.S.: auch deshalb teile ich verbreitete Ängste vor der Linkspartei nicht. Es gibt viele Leute so (oder fast so) von der Sorte meines Kumpels. Seine neue Frau hat grundsätzlich immer SPD gewählt. Bleibt das so? Und was, wenn er mal zur Wahl geht? - Wir werden ihn nicht für uns gewinnen können.

 

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