Marwa El-Sherbini

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Marwa El Sherbini wollte Ende dieses Jahres nach Ägypten zurückkehren. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn; ein zweites Kind erwartete sie; Marwa war im dritten Monat schwanger.

Marwa El Sherbini wurde am 1. Juli 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal ermordet. Ein russlanddeutscher Nazi hat sie mit 18 Messerstichen umgebracht. Vor Gericht ging es darum, dass der Täter Marwa auf einem Spielplatz als „Islamistin“, „Terroristin“ und „Schlampe“ beschimpft hatte. Es handelte sich bereits um die Berufungsverhandlung, die die Staatsanwaltschaft wegen der extrem rassistischen Ausfälle des Täters in erster Instanz beantragt hatte.
Der Zentralrat der Ex-Muslime hat nun islamische Verbände davor gewarnt, diesen Mord politisch zu instrumentalisieren.
 

Instrumentalisierung eines Mordes

Es war nicht zu erwarten, dass diese Warnung hätte befolgt werden können. Zumal die Frage gestattet sein muss, ob die Ex-Muslime nicht auch selbst mit dieser ihrer Warnung dieses entsetzliche Verbrechen instrumentalisiert haben. Die  Bluttat gebe keiner islamischen Organisation das Recht, daraus politischen Nutzen zu ziehen und Islamkritikern einen Maulkorb zu verpassen, hieß es seitens der Islamkritiker.
Dies ist unstreitig. Es gebe auch keine Anzeichen für eine Islamophobie in Deutschland, hieß es weiter. Daran darf man zweifeln. Der Zentralrat der Muslime liegt wohl näher bei der Wahrheit, wenn er dies naturgemäß anders sieht.
Auch der Generalsekretär des Zentralrats fand auf der gestrigen Trauerfeier in Dresden Worte der Mäßigung. Sie waren wichtig, weil die Bluttat für erhebliche Unruhe bei den Muslimen in Deutschland gesorgt hat. Andererseits: in einer Schriftlichen Erklärung zieht der Rat eine Verbindung zur Kopftuchdebatte. Seit der Entscheidung zum Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst gebe es zunehmend Hetze und Verleumdungen. „Marwa ist das bisher tragischste Opfer unserer muslimischen Schwestern, die unter Demütigungen, Verdächtigungen und Diskriminierungen zu leiden haben“, heißt es in der Erklärung. Darauf bezieht sich die Warnung der Ex-Muslime.

Marwa El Sherbinis entsetzlicher Tod – abgestochen vor den Augen ihres Mannes und ihres dreijährigen Sohnes – ist zum Politikum geworden. Das ist bedauerlich genug. Denn schließlich formulieren beide Zentralräte nur Selbstverständliches. Denn selbstverständlich ist dieser Mord nicht nur eine bedauerliche Einzeltat eines absolut fanatischen Einzeltäters, sondern sehr wohl ein Gipfelpunkt der Demütigungen, Verdächtigungen und Diskriminierungen, denen Kopftuch tragende Muslima im Alltag ausgesetzt sind. Und ebenso selbstverständlich darf auch nach dem Mord an Marwa El Sherbini über das Kopftuch diskutiert werden. Es ist nämlich kein Zeichen von Rassismus, über das Kopftuch zu diskutieren. Rassismus ist, die Kopftuch tragenden Frauen zu diskriminieren.
Sollten Sie den letzten beiden Sätzen zustimmen, haben wir nicht nur eine gemeinsame, sondern auch eine feste Grundlage. Damit ist die Debatte jedoch nicht beendet; sie kann vielmehr erst hier beginnen. Denn: was bedeutet das Diskriminierungsverbot für Frauen mit Kopftuch?
Es bedarf keinerlei Erklärung, dass ich muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen, mit dem gleichen Respekt begegne, wie jedem anderen Menschen auch. Dies versteht sich von selbst. Das ist nicht immer ganz einfach. So pflege ich zum Beispiel, mir von Gesicht bekannte Menschen zu grüßen. Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass viele Kopftuchträgerinnen nicht nur meinen Gruß nicht erwidern, sondern ihn offenbar auch nicht wünschen. Auch bei muslimischen Frauen ohne Kopftuch schickt es sich nicht in jedem Fall, sie ganz unverkrampft „Hallo, alles klar?“ anzusprechen.
Es ist nicht immer ganz einfach. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass Integration nicht bedeuten kann, dass sich meine türkischen Nachbarinnen an den hiesigen Kommunikationsstil anzupassen hätten. Es ist vielmehr meine Pflicht, mich zu bemühen, andere nicht zu bedrängen. Das gilt auch und gerade für muslimische Frauen.
Hier habe ich nicht argumentiert; ich habe postuliert. Es ging nicht anders. Das sind alles Dinge, die der – wie man hier gern sagt – Anstand gebietet. Es gehört sich nicht, Menschen in Verlegenheit zu bringen oder zu demütigen. Ich kann dafür keine Argumente finden. Erziehungssache.
 

Das Kopftuch -
Bekenntnis oder nur ein “Stück Stoff”?

Ganz anders verhält es sich bei der Frage, ob einer Muslima, die unter keinen Umständen auf das Tragen eines Kopftuches verzichten möchte, gestattet sein sollte, als Lehrerin oder als Erzieherin zu arbeiten. Ich zum Beispiel bin dagegen und streite dagegen. Dies habe ich zu begründen. Ich würde mein Plädoyer für ein Kopftuchverbot begründen mit der Vorbildfunktion der Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen in einem System der allgemeinen Schulpflicht und der – in vielen Fällen faktischen, in jedem Fall von mir  gewünschten – Kindergartenpflicht. Das Kopftuch ist hier – und übrigens nicht nur hier – ein Stück Stoff, wie von islamischer Seite gern vorgetragen wird. Wäre es das, wüsste ich nicht, warum es nicht für ein paar Stunden beiseite gelegt werden könnte. Vielmehr symbolisiert dieses Stück Stoff ein spezifisches Bekenntnis zu einer bestimmten religiösen Interpretation.
Christlichen, atheistischen, jüdischen und hinduistischen Eltern ist m.E. ein streng muslimisches Vorbild für ihre Kinder nicht zuzumuten. Und in den Kitas und Grundschulen, in denen muslimische Kinder die übergroße Mehrheit stellen, sollte es für die Erzieherinnen kein wichtigeres Ziel geben, als die Kinder in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Lehrerinnen, die sich weigern, im Dienst das Kopftuch abzulegen – wohlbemerkt: vor nicht geschlechtsreifen Kindern – kann ich dies nicht glauben.
Berufsverbot? – Na klar. Justiz, also diverse Gerichte, Verwaltungen und Politik eiern da herum. Dabei sollte von vornherein klar sein: wer sein Kopftuch niemals ablegen will oder kann, hat in einem staatlichen Kita- und Schulsystem nichts zu suchen.

Dass die Vertreter der konservativen islamischen Verbände dies naheliegenderweise anders sehen, ist in Ordnung. Mögen wir darüber streiten! Gegebenfalls auch heftig.
Voraussetzung für eine solche Debatte ist, dass die Standpunkte wechselseitig für zulässig gehalten werden. Ich habe dies – vermutlich im Namen fast aller „Säkularen“ – soeben getan. Ich kann nicht beurteilen, ob an der Befürchtung der Ex-Muslime etwas dran ist, dass der Mord an Marwa El Sherbini ausgenutzt werden könnte, die hier vertretene Position gleichsam als Ursprung der Demütigung religiöser Muslima zu denunzieren.
Marwas Tod sollte eine Mahnung zur Besonnenheit sein. Marwas Tod, so entsetzlich und in sich sinnlos er war: wenn dieser Mord alle „ethnischen“ Außenseitergruppen und alle „gutwilligen Deutschen“ über alle Differenzen hinweg ein Stück zusammenbringen kann im Kampf gegen den Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit, gegen Islamophobie, Antisemitismus und Antiziganismus, oder – nicht ganz so sperrig formuliert: wenn wir uns jetzt alle verstärkt klar machen, dass Menschen immer und unter allen Umständen wie Menschen zu behandeln sind, dann ergibt diese Bluttat zwar immer noch keinen Sinn. Aber dann sind wenigstens die „geistigen“ Anstifter zu diesem Mord ein ganz kleines bisschen gestraft.

Mehr geht nicht. Aber dieses Bisschen sind wir all denen schuldig, die heute tagtäglich wegen ihres Aussehens, wegen ihrer Abstammung oder Religion fies angemacht werden. Und die schon morgen oder übermorgen Opfer des nächsten völlig durchgeknallten, hasserfüllten Verbrechers werden könnten.

Werner Jurga, 13.07.2009

 

P.S. 1: Zu den Protesten in der islamischen Welt, den Demonstrationen regimetreuer Studentinnen in Teheran und den entsprechenden Einlassungen Ahmadinedschads ist damit alles gesagt.

P.S. 2: Es geht nicht darum, Tote gegeneinander aufzurechnen. Aber angemerkt werden muss es schon: weitaus mehr muslimische Frauen werden von ihren Ehemännern oder Brüdern erstochen als von fanatischen Faschisten.

 

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