Linkspartei und Finanzkrise

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Als ich heute Morgen einem befreundeten Kommunalpolitiker von der Linkspartei eine eMail geschrieben habe, dachte ich so darüber nach, was die Linken bei den nächsten Wahlen so bekommen werden. Ja, dachte ich mir, hier in Duisburg zum Beispiel werden die bestimmt ordentlich was an Wählerstimmen zusammen kriegen.

Ich weiß es ja: hier in Duisburg sind nicht die nächsten Wahlen. Die sind erst im Juni. Das ist also noch acht Monate hin. Darüber zu spekulieren, wäre also reine Kaffeesatzleserei. Also habe ich meinen linksaktiven Freund erst gar nicht damit belästigt. „Liebe Grüße“ und fertig.

Danach habe ich mir im Internet die neuen Nachrichten angesehen. Im Vordergrund stand – welch Wunder – die Finanzkrise. Der Nachrichtensender n-tv meldet:

„Die Seuche bricht aus - Erste gekündigte Kredite“

und beruft sich dabei auf Bundeswirtschaftsminister Glos. Unter der Überschrift „Kollaps-Gefahr bleibt - Finanzkrise bis Ende 2009“ wird über den Bundesfinanzminister berichtet. Bei der Tagesschau liest sich das so: „Bundesfinanzminister Steinbrück warnt - Finanzkrise dauert mindestens bis Ende 2009". Und bei Spiegel Online so: „Steinbrück warnt vor Zusammenbruch des Finanzsystems.“

Dem Intellektuellen „ist immer wieder der Vorwurf der ,sterilen Aufgeregtheit und des ,Alarmismus` entgegengehalten“ (worden), schreibt Jürgen Habermas im April 2006.

Damit berühren wir die einzige Fähigkeit, die den Intellektuellen auch heute noch auszeichnen könnte – den avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen. Er muss sich zu einem Zeitpunkt über kritische Entwicklungen aufregen können, wenn andere noch beim Business as usual sind. Das erfordert ganz unheroische Tugenden: eine argwöhnische Sensibilität für Versehrungen der normativen Infrastruktur des Gemeinwesens, die ängstliche Antizipation von Gefahren, die der mentalen Ausstattung der gemeinsamen politischen Lebensform drohen, der Sinn für das, was fehlt und „anders sein könnte“, ein bisschen Fantasie für den Entwurf von Alternativen und ein wenig Mut zur Polarisierung, zur anstößigen Äußerung, zum Pamphlet.

Schlaglichtartig wurde mir klar: das ist ganz schön gefährlich. Das mit der Finanzkrise. Jedenfalls für Intellektuelle. Die könnten jetzt nämlich arbeitslos werden. Wenn nämlich der „avantgardistische Spürsinn für kritische Entwicklungen die einzige Fähigkeit“ ist, die ihn auch heute noch auszeichnen könnte“ – jedenfalls dann, wenn dieser ihn ereilt „zu einem Zeitpunkt, , wenn andere noch beim Business as usual sind“ -, ja dann: Nacht Matthes! Dann ist es jetzt zu spät; dann ist der „Zeitpunkt“ verpasst!

Und wenn „der Intellektuelle“, wie sich Habermas ausdrückt, sonst keine Fähigkeit aufzuweisen hat, die ihn irgendwie „auszeichnen“ könnte – ja: dann riecht es doch nach Arbeitslosigkeit. Jetzt, wo selbst schon ein Michael Glos

„die Unken Rufen“

hört. - Hätte man, sagen wir mal, schon zu Beginn dieses Jahres darauf hingewiesen, dass sich der Aufschwung seinem Ende entgegen bewegt, und hätte man dann noch erläutert:
Einen Aufschwung gibt es ja nur deshalb, weil es auch einen Abschwung gibt. Dass erst 2007 der Aufschwung begonnen habe, gehört eindeutig ins Reich der Legenden.

Dann, ja dann … Stattdessen war von den Wirtschaftsforschern zu hören:
Heute ist die Tagespresse voll von Konjunkturprognosen für das kommende Jahr. Man sehe die diversen Risiken, deshalb sei man auch nur verhalten optimistisch, so die Institute und die Bundesregierung. Deshalb (!) prognostiziere man auch nur ganz bescheiden ein Wachstum von rund zwei Prozent.!

Wie gesagt: zu Jahresbeginn. Was lernen wir daraus?
Erstens: in den führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten, wie sie gern genannt werden und sich gern nennen lassen, sitzen keine Intellektuellen. Okay, das ist unter Intellektuellen nun nicht so eine große Neuigkeit, hat aber für diese Herrschaften immerhin den Vorteil, dass sie folglich nicht arbeitslos werden.
Dafür werden zweitens eine ganze Menge anderer Leute arbeitslos werden. Wenn man diese Binse überhaupt (noch) eine Prognose nennen kann, dann ist sie allerdings keine besonders gewagte.

Zwischen Glauben und Wissen liegt Wetten

Deshalb schrieb ich vor fünf Monaten, am 29.05.2005:
„Top, die Wette gilt: Wetten, dass im März 2009 die Vier-Millionen-Marke nach oben überschritten ist.“ Das war noch Etwas!
„Prognosen sind unsicher – insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Zwar lag ich mit diesem Mark-Twain-Zitat ziemlich gut; aber beim Dollarkurs und beim Ölpreis ganz schön daneben.
Deshalb habe ich mir jetzt vorgenommen, vorsichtiger zu sein. Aber ganz ohne Wetten ist es auch langweilig. Sagt einem jede vernünftige Zockermentalität … bzw. der einzige Daseinsgrund des Intellektuellen.

Was ist eigentlich, wenn sich diese Finanzkrise nicht nur zu einer ganz normalen Wirtschaftskrise auswächst - was in allen Wettbüros längst als ausgemachte Sache gilt? Genauso ausgemacht wie, dass die Linkspartei – sagen wir mal, zum Beispiel in Duisburg – ein zweistelliges Wahlergebnis einfährt. Was ist eigentlich, wenn – wie Steinbrück fürchtet – das Finanzsystem komplett zusammenbricht? Wenn massenweise Arbeitsplätze verschwinden und die Versorgung der Rentner, Leistungsempfänger und öffentlich Beschäftigten mit Geld nicht mehr reibungslos funktioniert? Wenn selbst in der Versorgung mit Lebensmitteln Probleme auftreten sollten?

Das ist natürlich nur ein Gedankenspiel, die – nach Habermas - „sterile Aufgeregtheit und der Alarmismus“ eines Intellektuellen. Aber nur mal so als Gedankenspiel: träte wirklich die in den letzten Wochen häufig angeführte „Kernschmelze“ ein, wie viel Prozent bekäme dann wohl die Linkspartei?

Werner Jurga, 25.10.2008

 

P.S. Wie bitte? In Duisburg kein Problem? Weil es sowieso zu einer großen Koalition kommt? – Ach ja. Und weil beim OB ohnehin wesentlich mehr Macht liegt als beim Stadtrat. Ich verstehe …
Aber nur mal so als Gedankenspiel …

 

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