Hilfe! Sommerzeit!

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Jetzt klauen die uns schon wieder eine Stunde …

… und ich bekomme mal wieder nichts davon mit. Also, um genau zu sein: nichts direkt. Aber ich lese ja Zeitung. Und meine Zeitung ist die WAZ, und die macht heute in ganz großen Lettern auf mit der Überschrift: 

„Schlafen Sie doch trotzdem länger“

Klare Sache; versteht sofort jeder. Nur ich mal wieder nicht. Also, um genau zu sein: nicht alles. „Schlafen Sie doch“ kapiere sogar ich. Mit „trotzdem“ dürfte auf die Zeitumstellung Bezug genommen werden; aber was meinen die mit „länger“. Länger als wann, länger als wer, länger als was?
Bitte glauben Sie mir: ich lese regelmäßig Zeitung. Und ganz besonders intensiv studiere ich seit Jahrzehnten im Frühjahr die journalistische Aufarbeitung der Umstellung auf Sommerzeit. Und nicht nur die; fast noch mehr Freude bereiten mir die Leserbriefe hierzu. Leider ist mir dieses Lesevergnügen nur einmal im Jahr gegönnt; denn kurioserweise ist im Herbst – also wenn die uns die Stunde wieder zurückgeben – in der Presse nicht so viel los.
Aber am letzten Samstag im März (früher mal im April) wird munter philosophiert

Über den Sinn und Unsinn der Zeitumstellung

So auch die Unterzeile zum zitierten Giganten-Aufmacher. Und wie wir es von der auflagenstärksten Zeitung mit den großen Buchstaben kennen, finden wir den dazu gehörigen Artikel nicht unter der Schlagzeile. „Mehr im Innenteil“ heißt es dort; hier gibt es etwas zu lesen auf der Rhein-Ruhr-Seite. Logisch! Wo auch sonst sollte man sich Gedanken machen „über den Sinn und Unsinn der Zeitumstellung“, wenn nicht auf der Rhein-Ruhr-Seite.
Wussten Sie eigentlich, dass nicht nur in Europa, sondern fast überall auf der Welt die Uhrzeit auf Sommerzeit umgestellt wird? – Das war jetzt nur eine Zwischenfrage, kein Argument, geschweige denn ein Plädoyer. Denn, wie ich bereits zu Beginn angemerkt habe: ich bekomme von diesem Kram ja ohnehin nichts mit. 

Der Wettlauf mit der inneren Uhr

heißt dann der Artikel auf der Rhein-Ruhr-Seite. Ein Wettlauf gegen die Zeit, also wohl mit der Uhr – okay, davon hört man häufiger. Was auch hier kein Argument, geschweige denn ein Plädoyer für die Sinnhaftigkeit solcherlei Gelabers ist. Aber ein Wettlauf mit der inneren Uhr? – Den müssen Sie mir erst einmal zeigen. Großartig!
Und auch unter diese wunderhübsche Überschrift hat die WAZ eine Unterüberschrift gesetzt. Von wegen „Schlafen Sie doch trotzdem länger“; die Sache ist wesentlich ernster:

Experten warnen vor Folgen: Konzentrationsmangel, Schlafstörungen

Darüber macht man keine Späße! Und schon gar nicht darüber; die Unterzeile ist nämlich noch nicht fertig zitiert. Das Schlimmste kommt erst noch. Bevor ich weiter zitiere: setzen Sie sich bitte erst einmal hin. Wahrscheinlich sitzen Sie ohnehin schon. Denn – ich zitiere weiter – jetzt kommt die verheerendste „Folge“ der Zeitumstellung:

und Stau auf den Energiestraßen des Körpers

Ach du Scheiße! – Und was kann man da machen? Zwischenüberschrift:

„Man sollte versuchen, den Schlaf am Tag nachzuholen“

Das sagt nicht irgendwer. Das sagen Experten. Fachleute. Doktoren, Professoren und so. Können Sie ruhig zitieren, wenn Ihnen demnächst irgendein Nichteingeweihter bei Ihrem Versuch irgendwie in die Quere kommen sollte.
Und die Professoren können uns auch genau erklären und vor allem belegen, warum das alles so furchtbar ist. Das sollten Die da oben nämlich auch einmal lesen. Ich zitiere:

Münchener Chronobiologen haben in einer Universitätsstudie mit 55000 Menschen herausgefunden, dass die innere Uhr auf die „echte Zeit“ geeicht ist.

Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, was die „echte Zeit“ ist. Klar: die Uhr misst die Zeit. Was aber misst die Zeit? Und wann ist sie echt?
Immerhin hat irgendjemand unsere innere Uhr auf diese „echte Zeit“ geeicht. Ein höheres Wesen? Ein intelligenter Schöpfer? Ein Guru?

Schon vor Jahrzehnten hat Udo Lindenberg seinem Guru höchste Huldigung zuteil werden lassen mit den weisen Worten:

Er hat uns klar gemacht:
Hell ist der Tag und dunkel die Nacht.

Na, das ist doch mal ein Ansatz! Und im übrigen möchte ich bemerken (ceterum censeo), dass Schichtarbeit immer Scheiße ist. Und das nicht nur zur Sommerzeit, nein auch im Winter, wenn es schneit. 

Werner Jurga, 28.03.2009

Alle Zitate (blau und kursiv dargestellt) aus der Printausgabe der heutigen WAZ.
Etwas ausführlichere und vor allem ernsthaftere Überlegungen zum Zeitbegriff finden Sie hier.

 

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