Einfach mal die Schnauze halten

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Lieber Hans,

Du hast Dein „Pflugblatt“ III / 2008 „aufgemacht“ mit dem Titel „Einfach mal die Schnauze halten!“

Schon dieser Jargon ist mir sympathisch, und das was Du in diesem Text schreibst ist – zwar nicht sympathisch, aber - leider nur allzu wahr.
In meinem Büro habe ich häufig Praktikantinnen und Praktikanten, die trotz hervorragenden Qualifikationen nur schwer einen Job finden. In Duisburg gehen Kinder morgens ohne Frühstück zur Schule und sitzen ohne warmes Mittagessen im Unterricht. Es gibt viel zu viele deutsche Neandertaler, die ihren rechtsradikalen Scheiß militant unter die Leute bringen ...

Als ich dies gelesen hatte, hast Du allerdings bereits klar gemacht, wem Dein Vorschlag, einfach mal die Schnauze zu halten,

gilt den Kritikern von Kurt Beck

Du schreibst:
„Es ist gerade bei jungen Redakteuren modern geworden, auf Kosten von Kurt Beck ihre Pointen zu setzen.
Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, Hans, warum das so ist? Könnte es nicht sein, dass Beck es den jungen Leuten auch ziemlich leicht macht.
Okay, den folgenden Schwimmen-Gag kann man auf so ziemlich jede Person anbringen:

Es erinnert an den Witz mit der Pointe: „Schwimmen kann er auch nicht“. Das würden einige Medienvertreter sicher sagen, wenn Kurt Beck über den Wannsee laufen würde. Als er nachts gegen 23 Uhr vor einigen Wochen von der Koalitionsrunde kam und „Gute Nacht“ sagte, wurde das von einigen Journalisten als Kommentar zur Großen Koalition interpretiert. Am vergangenen Dienstag hielt er in der SPD-Bundestagsfraktion eine engagierte Rede und wies darauf hin, dass er seinen Beitrag zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung leisten wolle, aber im Zweifelsfall nicht an seinem Stuhl klebe. Das wurde von einigen Redakteuren als Rücktrittsdrohung ...

Ach so, Hans, das war also die reine Bösartigkeit der Medien. Im Ernst, Hans: weißt Du, wie viele Leute dieses Nicht-am-Stuhl-Kleben so interpretiert haben. Mag sein, dass Du mit Deiner Interpretation Recht hast; Du kennst den Mann halt besser als ich. Nur: unter vernünftigen Menschen gilt eine solche Auslegung als absurd. In jedem Kaninchenzüchterverein ist bekannt: erklärt der Vorsitzende, er klebe nicht an seinem Stuhl, dann droht er mit seinem Rücktritt. Da kannst Du, lieber Hans, erzählen, was Du willst.
Zum Beispiel auch, dass wir
uns lieber verlieren in politischen Endlosdebatten, administrativem Kleinkram und überflüssigen Personaldiskussionen, statt unsere Empörung endlich in politischen Initiativen umzusetzen. Lasst uns gemeinsam für Lösungen kämpfen. Dann vertrauen uns die Menschen auch wieder.

Quertreiber

Das ist wohl wahr, Hans, und, wenn Du so willst, ein „ewiges“ Merkmal unserer Partei. Unsere Diskussionsfreudigkeit, wenn auch mitunter übertrieben bis nervig, möchte ich jedoch keineswegs missen. Sie hat freilich auch Nachteile; aber wir sind doch beide lange genug dabei, um zu wissen, dass das nichts Neues ist:
In Wirklichkeit leistet die SPD auf allen Ebenen ordentliche Arbeit, aber darüber sprechen wir fast gar nicht.
Und da hast Du es auch mal in der Fraktion gesagt:
Das alles habe ich in der vergangenen Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion gesagt und am Ende allen Quertreibern für die Sommerpause empfohlen: „Haltet doch für acht Wochen einfach mal die Schnauze.“
Na gut, Hans! Wenn Du so höflich darum bittest, dann werde ich mich daran halten – nun keine acht Wochen mehr, aber bis zu dem von Dir gemeinten Ende der parlamentarischen Sommerpause. Versprochen!

Ich werde Deinem Gebot nachkommen, obgleich ich die Frage, ob Kurt Beck über die Eignung für die Kanzlerkandidatur oder auch für den Parteivorsitz verfügt, für alles andere als für eine überflüssige Personaldiskussion halte. Ich werde, um Deinen Jargon aufzugreifen, die Schnauze halten, auch wenn allein Becks Auftritt gestern Abend in Berlin direkt mir genug Stoff böte für eine Anzahl satirischer Veralberungen.
Ich werde nicht weiter ausführen, dass Du Kritik an diesem Vorsitzenden als Quertreiberei bezeichnest. Wir vertagen die Diskussion über diese Deine Anmaßung auf die Zeit nach der Sommerpause. Sagen wir: auf Ende des Jahres. Denn nach der Sommerpause wird zunächst über Kurt Beck gesprochen – und keineswegs nur von so einem unbedeutenden Basismitglied wie mir. Ich weiß nicht, wie die Sache für Kurt Beck ausgehen wird; ich weiß nur, es wird dicke kommen!
Und damit es nicht Ende des Jahres heißt, Du seiest ein „Quertreiber“, empfehle ich Dir schon jetzt – in allem gebotenen Ernst – für den Herbst, einfach mal für acht Wochen ...

... zu schweigen.

Das ist ja wahrlich nicht zu viel verlangt. Einfach nur mal raushalten aus wichtigen Fragen, die die Zukunft unserer Partei betreffen. Nur für acht Wochen. Du kannst während dieser Zeit ruhig etwas über Deine Bemühungen erzählen, den Weltfrieden zu retten oder Nordkorea zu demokratisieren.
Danach wirst Du hinreichend Gelegenheit bekommen zu erläutern, warum Du Dich für die Pfälzer Provinzbacke in die Matsche schmeißt. Das kann ich Dir versprechen!

 

Auch ich wünsche Dir und Deiner Frau

Glück Auf und schöne Sommerferien

Werner

 

 

Werner Jurga, 21.07.2008

 

P.S. Du verstehst, dass ich diesen Brief an Dich auf meiner kleinen Blogseite gedenke zu veröffentlichen. Ich bin mir Deines Verständnisses sicher, zumal Du ja in den letzten Jahren - als ich noch nicht "gebloggt" hatte - meine zwei oder drei eMails nicht einer Antwort würdig gefunden hast. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, denke aber, Du dürftest Dir gleich gedacht haben: "Quertreiber!" Dabei kennst Du mich doch eigentlich kaum. Wie gut, dass wir das ändern werden!

 

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