06.11.2007

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Wenn ich morgens die WAZ reinhole, kriege ich so eben die Schlagzeilen auf der ersten Seite mit. Wenn ich dann sitze – beim ersten Kaffee und der ersten Zigarette, drehe ich die Zeitung, um auf der letzten Seite (des letzten Heftes: „Kultur“) „die Welt in 99 Sekunden“ zu ergründen. Und dann bleibe ich auf dieser Seite namens „Menschen“ kleben, so auch diesmal. Da erfahre ich dann das Neueste von Britney Spears, so auch diesmal. Aber die Schlagzeile und das riesige Foto waren vom „Mann mit der Geige”.
Ganz Kavalier der alten Schule, angereichert mit einer Prise Humor, wobei es noch vergnügt aus seinen Augen funkelt
, steht da, und man könnte denken, die Rede sei von mir. Ist sie aber nicht. Das Zitat stammt aus einem recht langen Artikel über einen Herrn, der noch ein Ideechen älter ist als ich. Er heißt

Peter Grammatikoff

Ich zitiere weiter aus dem WAZ-Artikel:
Peter Grammatikoff zählt mittlerweile 91 Lenze. Sein bevorzugtes Instrument ist die Geige, mit der er zumeist im Szene-Dreieck für Session-Musiker Hundertmeister (Duisburg), Steinbruch (auch in Duisburg, fast Stadtgrenze Mülheim) und dem Zentrum Altenberg in Oberhausen unterwegs ist ... (Grammatikoff habe) „etwa 3600 Lieder" in seinem Leben komponiert ... Heute zählt das Chanson-Ensemble "Ganz in Rosen" auf ihn als festes Bandmitglied und er spielt mit seinen jungen Session-Kollegen derzeit eine CD ein, zu der auch Stoppok einen Beitrag liefern soll.
Nun ist der Artikel von Alfons Winterseel am 31.10. geschrieben worden, in der WAZ erschienen am 1./2.11. Und dieser Tagebucheintrag ist vom 06.11.2007. Wie kommt es zu dieser Verzögerung? Ist mir der Artikel nicht sofort aufgefallen? Oder waren mir die Zeugen Jehovas und die Astrologie thematisch wichtiger?
- Nein, es war vielmehr so:

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Foto aus: www.adamriese.info

eigentlich wollte ich zu dem Artikel gar nichts sagen

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Foto aus: www.adamriese.info

Nicht etwa, weil mich Grammatikoffs Geschichte nicht sofort berührt hätte. Das hatte sie!
Nein, ich wollte nicht über den Autor lästern. Das ist nämlich ein Sinn dieser Website. Aber er hat es gewiss sehr gut gemeint und den älteren Herrn ja auch groß rausgebracht. Und das ist anzuerkennen und nicht zu bewitzeln! Daran gibt es nichts auszusetzen – eigentlich. Wichtiger: ich habe mir gedacht, Peter Grammatikoff sei es möglicherweise weder genehm, „seinen“ Artikel zu benörgeln, noch, einige Dinge anzusprechen, die nicht verschwiegen werden dürfen. Und deshalb brauchte ich einige Tage Bedenkzeit.

 Lieber Peter Grammatikoff, sehen Sie mir es bitte nach, dass ich mich so entschieden habe, wie ich mich entschieden habe! Begründung: einige Dinge dürfen verschwiegen werden.
Wir erfahren zwar – in dem Satz direkt vor dem letzten Zitat: Sein erstes Konzert ("Das muss so 1954 gewesen sein") habe er in Berlin mit russischen und jüdischen Liedern gegeben.

Wir erfahren aber nicht, warum das erste Konzert erst so um 1954 gegeben wurde; da war Grammatikoff schon so um 38. Dass seine Eltern von ihm verlangten, einen „ordentlichen Beruf“ zu erlernen. Andererseits:
„Die Eltern schickten Peter Grammatikoff aufs Konservatorium in Berlin, um das Geigenspiel zu erlernen“
freilich „in jungen Jahren“. Er war auch Eiskunstläufer und Trainer,
doch die Musik spielte zwischendurch immer wieder die erste Geige.

 

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Foto aus: www.adamriese.info

Offen bleibt: wann war das eigentlich genau: „zwischendurch“? Wie erklärt sich in einer solch ausführlichen eine solch große biographische Lücke? Die – ich sage mal: „Kriegsjahre“ kommen gar nicht vor. Hat er nicht gedient? Warum gibt ein erstklassig ausgebildeter Violinist keine Konzerte? Gab es keine Nachfrage nach „russischen und jüdischen Liedern“? Oder hat Peter Grammatikoff etwa doch Geige spielen können, dürfen, müssen, und womöglich nur deshalb diese schweren Zeiten überlebt?
Er möchte offensichtlich nicht darüber sprechen, und deshalb

 wollte ich eigentlich zu dem Artikel gar nichts sagen

schon aus Respekt vor diesem großartigen Mann.
Und ich musste auch noch tagelang darüber nachdenken, als ich den Kulturteil umgedreht hatte. Auf der ersten Seite des Heftes Kultur (WAZ - Sprechweise) wird Peter Grammatikoff in fetten Lettern bezeichnet als der Rudi Ratlos des Ruhrgebiets.
Ganz abgesehen davon, dass Peter so gar nicht den Eindruck macht, ratlos zu sein – für die jüngeren Leser: Rudi Ratlos ist eine Titelfigur von Udo Lindenberg, ein Lied vom Anfang der 1970er Jahre über einen Geiger.

er ist 80, hat zittrige Finger, und ist schon ganz weich in den Knien

Grammatikoff kann zwar auch nicht mehr gut stehen; aber er ist über 90, und nicht 80 wie Rudi Ratlos, oder 50 wie Werner Jurga. Und von zittrigen Fingern kann ja wohl beim Ruhrgebiets-Geiger keine Rede sein. Alles an sich noch kein Grund zur Aufregung.

Aber eine Sache hat mich dann doch derartig in Wallung gebracht, dass aus dem „eigentlich“ nichts werden konnte. Manche Dinge können einfach nicht so stehen bleiben. Diejenigen, die den Rudi Ratlos auf die Seite eins des Kulturteils gesetzt haben, kennen entweder den Songtext nicht (dann hätten sie das Maul halten sollen), oder aber – viel schlimmer: sie wissen, wer laut Lindenberg dieser Rudi Ratlos war, nämlich:

Leibmusikalartist von Adolf Hitler und Eva Braun 

Eine unglaubliche Unverschämtheit gegenüber Peter Grammatikoff!

 

Werner Jurga, 06.11.2007

Grammatikoff

Die drei Bilder oben entstanden bei einem Auftritt am 28.07.2005 im Piano am Duisburger Innenhafen (Fotos aus: www.adamriese.info
Ganz in Rosen. Charmeur Peter Grammatikoff und Angelika Grawcik-Vogt.
Das Foto links aus der WAZ vom 1./2. 1.2007.

Udo Lindenberg hat im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere immer wieder Lieder gemacht gegen die alten und die neuen Nazis. Kurzum: ich bin ein Fan.
Aber ich muss ja nicht alles verstehen: gemeinsam mit anderen Größen der deutschen Rockmusik setzt sich Udo für eine Deutsch-Quote in den deutschen Radiosendern ein. In Kürze erscheint hier: Mein Gott, sind wir links!

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