04.12.2007

Die politische Internet-Zeitung aus Duisburg

Die Laufkundschaft hat es geahnt, die Stammkundschaft gelesen und die Fans haben es gewusst: ja, ich bin nervenkrank!

Nun, die beste Krankheit taugt nichts; die MS hat Tausend Gesichter, aber eins eint alle meine Leidensgenossen: früher oder später haben wir Last beim Vorwärtsgehen. Auch bei mir wird´s nach 50 Metern eng; spätestens nach 100 Metern geht nichts mehr. Jedenfalls ich nicht mehr, ich setzte mich dann lieber hin. Das ist übrigens auch die Antwort auf die verschiedentlich von verschiedenen Fachärzten, also Nervenärzten, gestellte Frage: „Was passiert denn dann, wenn Sie nicht mehr gehen oder stehen können?“ Ja Gott, äh: Halbgott in Weiß, dann setze ich mich eben. Nervenkrank ja, total bestusst nein. Wobei, bei ungünstigem Verlauf ...
Wie dem auch sei, zur Zeit schreibe ich meine hübschen kleinen Aufsätze. Und was das Gehen betrifft: ich besitze zwar einen Rollstuhl. Doch auf die Frage, was ich bei einer Barriere mache, antworte ich auch hier wieder ganz pragmatisch (keine Ideologien und so): ich stehe einfach auf (Szenenapplaus!) und stelle den Rollstuhl auf den Bürgersteig. Tja, praktisch Denken. Leider oder glücklicherweise führt dieser Pragmatismus dazu, dass ich nicht viel weiter denke. Schon gar nicht, wenn´s schwer wird. So fällt es selbst mir schwer, mich in diejenigen hineinzudenken, die an den Rollstuhl gefesselt sind. Ich habe nur eine grobe Vorstellung, dass das wohl blöd sein muss – erstens sowieso schon mal, zweitens bei all den

Barrieren in Rheinhausen

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Und derer gibt es so einige. Konzentrieren wir uns heute auf den Bahnhof Rheinhausen. Für den hatte die Stadt Duisburg eine Umbaumaßnahme aus Landesmitteln beantragt. Zum Beispiel wäre es doch ganz gut, wenn auch die Seite des Bahnhofs, wo der Bus hält, barrierefrei wäre. Ist sie aber nicht; eine großzügige Rampe steht auf der anderen Seite unseres Bahnhofs.
Dass die bescheidene Anfrage Duisburgs an die Bezirksregierung, ob nicht aus dem ÖPNV-Landesprogramm eine Rampe auf der richtigen Seite des Bahnhofs gebaut werden könne, abgelehnt wurde, haben die Rheinhauser Schwerbehinderten dem Regionalrat zu verdanken. Dieses parlamentarische Gremium (Vertreter der Stadträte) unseres Regierungsbezirks hat ja auch nichts gegen das in Krefeld Uerdingen geplante Kohlekraftwerk einzuwenden.

Claudia Leiße

Daher wissen wir, dass die Rheinhauser Grüne Claudia Leiße im Regionalrat sitzt. Dort ist sie im Verkehrsausschuss; und was sich dort abgespielt hat, hat sie der NRZ / WAZ Duisburg-West berichtet:

Dass der Verkehrsausschuss des Regionalrats die Förderung der Rampe am Bahnhof Rheinhausen abgelehnt hat, stößt bei Claudia Leiße (Grüne) auf harsche Kritik. „Der Bau der Rampe ist zwingend notwendig für die Barrierefreiheit des Bahnhofs Friemersheim. Mobil eingeschränkte Menschen wie Eltern mit Kinderwagen, Ältere mit Rollatoren oder Rollstuhlfahrer erreichen die Gleise nicht. Und auf der Seite, wo die großzügige Rampe fertig gestellt ist, hält kein Bus zum Bahnhof. Insgesamt eine planerische Absurdität.” Die Stadt Duisburg hatte die gesamte Umbaumaßnahme für das ÖPNV-Landesprogramm bei der Bezirksregierung angemeldet. Der Fördertopf sei ausreichend gefüllt, da bisher nur wenige Projekte beantragt wurden, so Leiße. Umso unverständlicher sei die Haltung der beiden großen Fraktionen im Regionalrat. „Die Haltung des Regionalrats ist ein Schlag ins Gesicht von Menschen mit Behinderung”, sagt Leiße. „Wir hätten niemandem etwas weggenommen, denn Geld ist vorhanden. Nun müssen wir weiter warten, ob sich die Deutsche Bahn irgendwann bewegt, die Barrierefreiheit der Bahnsteige zu schaffen.”

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Elke Patz

Auch die Rheinhauser SPD hat eine Vertreterin im Regionalrat, nämlich Elke Patz. Sie hat dort – gegen ihre Fraktion – das Uerdinger Kohlekraftwerk abgelehnt. Elke Patz sitzt jedoch nicht im Verkehrsausschuss; und der Regionalrat tagt erst übermorgen. Mal hören, ob sie sich noch einmal traut ...
Claudia Leiße, wie die Rheinhauser Grünen überhaupt, bleiben nach wie vor Befürworter des Toeppersee - Freibads. Nur man hört halt so wenig davon. Darauf angesprochen meint Frau Leiße, sie könne sich ja nicht um alles kümmern. Es stimmt, sie tut viel für die Gesellschaft (worüber sich einige fiese Neidhammel aufregen). Aber ob das wirklich der Grund ist? Es gibt doch in Rheinhausen noch einen Grünen, ihren Mann. Und wenn der alte Chauvi nicht helfen will, könnte sie mich doch bitten, eine entsprechende Presseerklärung zu verfassen. 

Ich helfe doch, wo ich nur kann – sogar Grünen. Aber einige Barrieren in Rheinhausen sind schier unüberwindlich.

 

Werner Jurga, 04.12.2007

 

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